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🏺 Zypern: Geschichte

Die Insel, auf der eine Göttin aus dem Schaum geboren wurde, nach der das Kupfer heißt und die bis heute geteilt ist - zehntausend Jahre in zwanzig Minuten Lesezeit.

Stell dir eine Insel vor, nach der ein metallisches Element benannt ist, auf der laut Hesiod die Göttin der Liebe aus dem Meerschaum geboren wurde, auf der ein englischer König nur deshalb Hochzeit hielt, weil dort das Schiff mit seiner Braut strandete - und durch deren Hauptstadt bis heute eine Grenze läuft, die Soldaten der UNO bewachen.

Willkommen auf Zypern. Dies ist die Geschichte der drittgrößten Insel des Mittelmeers, die so unglücklich liegt, dass jedes Imperium, das je in der Nähe existierte, sie haben wollte.

Kapitel 1: Eine Katze, ein Brunnen und die Insel, nach der das Kupfer heißt

Menschen leben auf Zypern seit mindestens zehntausend Jahren. Das Dorf Choirokoitia vom Ende des siebten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung hatte runde Steinhäuser und steht heute auf der UNESCO-Liste.

Aus einem Grab von Shillourokambos stammt ein Fund, wegen dessen Lehrbücher umgeschrieben wurden: das Skelett eines Menschen und daneben, sorgfältig niedergelegt, das Skelett einer Katze, neuneinhalbtausend Jahre alt. Bis dahin galt als ältester Beleg der Katzendomestikation Ägypten, viertausend Jahre jünger. Auf Zypern lebten Katzen zudem nicht wild - jemand muss sie mit dem Schiff hergebracht haben.

Der wirkliche Reichtum kam in der Bronzezeit. Zypern hatte Kupfer, und zwar in solchen Mengen, dass es ins ganze Mittelmeer ausgeführt wurde. Das lateinische *cuprum*, aus dem das deutsche Kupfer und das englische copper stammen, kommt vom Namen der Insel: *aes cyprium*, "Metall aus Zypern". Die Insel ist damit einer der wenigen Orte der Welt, nach denen ein chemisches Element benannt ist.

Um 1200 v. u. Z. kamen Griechen her, die von Troja zurückkehrten, gründeten Königsstädte und brachten das Griechische mit, das hier bis heute gesprochen wird.

Kapitel 2: Aphrodite, ein Stein und ein Heiligtum, zu dem das halbe Mittelmeer pilgerte

Nach Hesiod wurde vor der zyprischen Küste Aphrodite, die Göttin der Liebe und der Schönheit, aus dem Meerschaum geboren. Die Griechen nannten sie Kypris, die Zyprische, und der Ort ihrer Geburt wird bis heute gezeigt: die Felsformation Petra tou Romiou an der Straße zwischen Paphos und Limassol.

Ihr Hauptheiligtum stand in Palaipaphos und war eines der bedeutendsten Wallfahrtsheiligtümer der antiken Welt - man kam aus ganz Griechenland und Rom hierher. Merkwürdig daran ist, was darin stand: keine Statue der Göttin, sondern ein schwarzer kegelförmiger Stein. Verehrt wurde sie in einer Gestalt, die heute niemand für eine Göttin der Schönheit halten würde. Dieser Stein ist bis heute im Museum bei den Ausgrabungen zu sehen.

Die Insel wechselte nach und nach die Herren: Assyrer, Ägypter, Perser. 332 v. u. Z. schlossen sich die zyprischen Könige Alexander dem Großen an, nach ihm das ptolemäische Ägypten und 58 v. u. Z. Rom. Unter den Römern war Paphos Hauptstadt, und dort entstanden die Mosaikböden, wegen derer man bis heute hinfährt.

Im Jahr 45 unserer Zeitrechnung landeten auf der Insel der Apostel Paulus und Barnabas, der Zyprer war. Zypern wurde damit das erste Land der Welt, das ein christlicher Statthalter regierte. Die Sage will, dass Paulus in Paphos vorher sicherheitshalber an einer Säule ausgepeitscht wurde, die man dort zeigt.

Kapitel 3: Byzanz, ein Königreich und ein König, der wegen eines Sturms hier heiratete

Nach der Reichsteilung fiel Zypern an Byzanz und blieb dort fast achthundert Jahre. Aus dieser Zeit stammen die meisten Klöster im Troodos-Gebirge - und auch ein eigenartiger Bautyp: die Bergkirchen haben ein zweites, riesiges Satteldach darüber gesetzt bekommen, das aussieht wie eine Scheune. Es schützte sie vor Schnee, und darum haben sich darunter Fresken erhalten, wie sie sonst im Mittelmeerraum nicht überlebten. Zehn solcher Kirchen stehen auf der UNESCO-Liste.

1191 zog der englische König Richard Löwenherz zum Dritten Kreuzzug. Vor der zyprischen Küste strandete beinahe das Schiff, auf dem seine Verlobte Berengaria und seine Schwester fuhren. Der örtliche Herrscher behandelte sie schlecht, Richard geriet in Zorn, landete und eroberte die Insel binnen weniger Wochen. Dann hielt er in Limassol Hochzeit - Berengaria ist die einzige englische Königin, die England wahrscheinlich nie betreten hat.

Zypern verkaufte Richard umgehend den Templern, die gaben es zurück, und es landete beim französischen Haus Lusignan, das hier dreihundert Jahre herrschte. Sie bauten gotische Kathedralen, die aussehen, als hätte sie jemand versehentlich im Mittelmeer abgestellt - es sind echte nordfranzösische Bauten, nur aus gelbem Stein und bei fünfunddreißig Grad.

Nach ihnen kam Venedig, das die Insel befestigte. Um Nikosia bauten die Venezianer eine sternförmige Festung mit elf Bastionen, eine der modernsten Befestigungen ihrer Zeit. Sie bauten sie in drei Jahren und verloren sie 1570.

Kapitel 4: Dreihundert Jahre unter den Osmanen

1570 eroberten die Osmanen die Insel. Nikosia fiel nach sieben Wochen, Famagusta wehrte sich zehn Monate gegen vielfache Übermacht, und ihren Verteidiger Marcantonio Bragadin ließ der türkische Befehlshaber nach der Kapitulation bei lebendigem Leib häuten - eine Geschichte, die man in Venedig bis heute erzählt und derentwegen Bragadin in einer venezianischen Kirche ein Grabmal mit eben dieser Haut hat.

Die Osmanen herrschten dreihundert Jahre. Sie machten aus Kathedralen Moscheen - deshalb steht neben der gotischen Kathedrale in Famagusta wie neben der in Nikosia bis heute ein schlankes Minarett, ein Anblick, den es sonst nirgends gibt. Sie brachten türkische Siedler auf die Insel und legten damit den Grund für die doppelte Bevölkerung, die hier bis heute lebt.

Sie schafften auch die lateinische Kirche ab und stellten den orthodoxen Erzbischof wieder her, den sie überdies zum politischen Vertreter der Christen machten. Diese Entscheidung wird noch im zwanzigsten Jahrhundert Folgen haben.

1878 verpachteten die Osmanen die Insel an Großbritannien im Tausch gegen Unterstützung gegen Russland. Die Briten annektierten sie 1914 und machten 1925 eine Kronkolonie daraus.

Kapitel 5: Enosis, Unabhängigkeit und das Jahr 1974

Die griechischen Zyprer wollten den größten Teil der britischen Zeit über *Enosis* - die Vereinigung mit Griechenland. Die türkischen Zyprer, etwa ein Fünftel der Bevölkerung, waren grundsätzlich dagegen. Ab 1955 führte die Organisation EOKA einen bewaffneten Kampf gegen die Briten.

1960 entstand die Republik Zypern als unabhängiger Staat, mit einer Verfassung, die die Macht zwischen beiden Gemeinschaften teilte und die Griechenland, die Türkei und Großbritannien garantierten. Präsident wurde Erzbischof Makarios III. - Kirchen- und Staatsoberhaupt zugleich. Die Verfassung funktionierte drei Jahre, dann zerfiel sie, und 1964 kam die erste UNO-Mission.

Im Juli 1974 führte die griechische Militärjunta auf Zypern einen Putsch durch, um die Insel Griechenland anzuschließen. Fünf Tage später griff die Türkei militärisch ein und besetzte das nördliche Drittel der Insel. Über hundertfünfzigtausend griechische Zyprer flohen nach Süden, über fünfzigtausend türkische nach Norden. Die Insel teilte sich entlang einer Linie, die man die Grüne Linie nennt - ihren Namen hat sie angeblich von dem grünen Stift, mit dem ein britischer Kommandeur sie in die Karte zeichnete.

Der Norden rief 1983 einen eigenen Staat aus, den einzig die Türkei anerkennt. Zwischen beiden Teilen liegt eine von der UNO bewachte Pufferzone, eine der am längsten laufenden Missionen in der Geschichte der Organisation.

Das stärkste Bild dieser Teilung ist Varosha, ein Viertel von Famagusta. Es war der modernste Badeort des östlichen Mittelmeers, wohin Brigitte Bardot und Elizabeth Taylor kamen. 1974 verließen es die Bewohner binnen weniger Stunden, und seither umgibt es ein Zaun. Die Hotels stehen dort seit fünfzig Jahren leer, mit der Einrichtung von 1974 darin. Ein Teil des Viertels öffnete 2020, ein großer Teil bleibt geschlossen.

Kapitel 6: Nikosia, die letzte geteilte Hauptstadt

Nikosia ist heute die einzige geteilte Hauptstadt der Welt. Die Grenze läuft mitten durch die Altstadt innerhalb der venezianischen Mauern: Straßen, die ganz normal aussehen, enden an einem Betonblock, an Sandsäcken oder an Blech.

Seit 2003 kann man zu Fuß hinüber. Den Übergang mitten in der Einkaufsstraße Ledra öffnete man 2008, und täglich gehen Tausende hindurch. Auf der einen Seite zahlst du in Euro, auf der anderen in türkischen Lira, und dazwischen liegen ein paar Dutzend Meter Zone, in der du nicht fotografieren darfst.

In der Pufferzone blieb unter anderem ein internationaler Flughafen, der 1974 mitten im Betrieb schloss. Bis heute steht dort auf dem Vorfeld ein Flugzeug der Cyprus Airways, das nie abgeflogen ist.

Die Republik Zypern trat 2004 der Europäischen Union bei. Formal trat die ganze Insel bei, praktisch gilt europäisches Recht im Norden nicht. Ein Referendum über die Vereinigung fand kurz davor statt: die türkischen Zyprer stimmten zu, die griechischen lehnten ab, und die Insel trat geteilt bei.

Kapitel 7: Das Zypern unter deinen Füßen

Zypern hat etwas über eine Million Einwohner und dreihundert bis dreihundertvierzig Sonnentage im Jahr, das meiste in Europa.

Das Troodos-Gebirge ist kein gewöhnliches Gebirge. Es ist ein Ophiolith - ein Stück Ozeankruste und oberer Erdmantel, durch den Zusammenstoß von Platten über die Oberfläche gedrückt. Geologen kommen aus aller Welt hierher, weil diese Schicht sonst überall mehrere Kilometer unter dem Meer liegt. Du gehst also buchstäblich auf dem Meeresboden in fast zwei Kilometern Höhe.

Von hier stammt auch die Commandaria, ein süßer Dessertwein, der mindestens seit dem zwölften Jahrhundert ununterbrochen hergestellt wird und als der älteste bis heute unter gleichbleibendem Namen erzeugte Wein der Welt gilt. Er soll die Hochzeit Richard Löwenherz' versorgt haben, und ein französischer König soll ihn den Apostel der Weine genannt haben.

Und noch ein Erzeugnis: der Johannisbrotbaum, dessen Schoten hier jahrhundertelang so einträglich ausgeführt wurden, dass man sie schwarzes Gold nannte. Sein Samen hat ein so gleichmäßiges Gewicht, dass Goldschmiede ihn als Gegengewicht benutzten - und von seinem griechischen Namen *keration* kommt das Wort Karat.

Die Insel hat zwei britische Militärbasen, die bis heute britisches Überseegebiet sind, du findest auf Zypern also ein Stück Vereinigtes Königreich mit Verkehrsschildern in Meilen.

Man fährt links, man spricht Griechisch und Türkisch, man zahlt mit Euro und mit Lira, und in den Bergen stehen Kirchen, die wie Scheunen aussehen. Zypern ist es gewohnt, mehrere Dinge auf einmal zu sein - es tut das seit zehntausend Jahren.