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🍕 Neapel: Geschichte

Von einer Sirene, die aufgab, über zehn Tage Herrschaft eines Fischhändlers bis zu den vier Tagen, an denen sich die Stadt selbst befreite - zweieinhalbtausend Jahre in sieben Minuten Lesezeit.

Neapel heißt Neustadt. Den Namen bekam die Stadt, weil daneben eine noch ältere lag, und sie trägt ihn seit zweieinhalbtausend Jahren.

Sechshundert Jahre lang war sie Hauptstadt eines Königreichs. Dann verlor sie das und geht seither ihren eigenen Weg.

Die Sirene, die aufgab

Der Sage nach ertrank hier die Sirene Parthenope. Odysseus widerstand ihrem Gesang, sie war gekränkt, und das Meer spülte sie an den Strand; auf ihrem Grab soll die Stadt gewachsen sein.

Die Wirklichkeit ist nüchterner und fast ebenso alt. Griechen gründeten hier im 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die Siedlung Parthenope - nach der verbreiteten Lesart Siedler aus dem nahen Kyme, nach einer anderen Seefahrer aus Rhodos. Einige Jahrhunderte später entstand daneben Neapolis, die Neustadt. Die ältere hieß fortan Palaiopolis, Altstadt, und geblieben ist der jüngere Name.

Eine griechische Stadt mit römischer Adresse

Die Römer nahmen Neapolis 326 vor unserer Zeitrechnung ein und taten dann fast nichts damit. Die Stadt behielt ihr Griechisch, ihre griechischen Ämter und ihre griechischen Gewohnheiten, und die Römer kamen zum Ausruhen. Es war die Adresse für alle, die von Rom in Ruhe gelassen werden wollten.

Auch Vergil lebte hier, und der Überlieferung nach liegt er hier begraben. Im Mittelalter wurde aus ihm eine Gestalt, die er selbst nicht wiedererkannt hätte: ein Zauberer und Beschützer der Stadt.

Das Ei unter der Burg

Die schönste dieser Zaubergeschichten hält sich bis heute im Namen. Das Castel dell'Ovo, die Eierburg, soll im Fundament ein Ei haben, das Vergil dort in einem Glasgefäß aufhängte. Solange es heil ist, stehen Burg und Stadt.

Der Glaube war so lebendig, dass Königin Johanna, als im 14. Jahrhundert ein Teil der Burg einstürzte, der Überlieferung nach öffentlich erklären musste, sie habe das Ei ersetzen lassen. Die Leute zu beruhigen war einfacher, als es ihnen auszureden.

Sechshundert Jahre Hauptstadt

Seit 1266, als Karl von Anjou seinen Sitz von Palermo hierher verlegte, war Neapel Hauptstadt eines Königreichs - unter mehreren Dynastien und mit mehreren Unterbrechungen, bis zur Einigung Italiens 1861.

Einer der Herrscher brachte etwas zustande, das sie alle überdauerte. Kaiser Friedrich II. gründete hier 1224 eine Universität, und gegründet hat sie weder ein Papst noch eine Zunft, sondern der Staat. Damit ist sie die älteste noch bestehende Universität, die ein Staat gegründet hat, und sie trägt bis heute seinen Namen.

Die größte oder die zweitgrößte?

Um 1600 hatte Neapel rund eine Viertelmillion Einwohner und gehörte zu den größten Städten Europas. Ob es die erste war oder die zweite hinter Paris, hängt davon ab, wen man liest: Die Schätzungen gehen auseinander, und beide Fassungen werden mit gleicher Bestimmtheit zitiert. Unbestritten ist nur das Gedränge.

Masaniellos zehn Tage

Im Juli 1647 führten die Spanier eine Steuer auf Obst ein. Auf dem Markt brach deswegen eine Schlägerei aus, und an die Spitze des Aufstands trat ein siebenundzwanzigjähriger Fischhändler, den man Masaniello nannte.

Binnen weniger Tage beherrschte er die Stadt. Der Vizekönig gab nach und schaffte die Steuer ab. Dann stieg Masaniello der Erfolg zu Kopf, er begann Todesurteile zu verteilen, und am sechzehnten Juli wurde er ermordet. Seit dem Ausbruch des Aufstands waren zehn Tage vergangen.

Eine Republik für fünf Monate

1799 riefen die Gebildeten Neapels eine Republik aus. Sie hielt von Januar bis Juni, war belesen, gut gemeint, und außerhalb der Stadt wollte sie fast niemand.

Als die Bourbonen zurückkamen, versprachen sie eine Amnestie und brachen sie. Sie ließen Hunderte hinrichten, darunter Eleonora Pimentel Fonseca, die die Zeitung der Republik schrieb und redigierte. Es war eine Revolution, die Gebildete für ein Volk machten, das sie nicht bestellt hatte. Bezahlt haben sie selbst.

Blut, das fest wird und wieder fließt

Im Dom wird eine Ampulle mit dem Blut des heiligen Januarius aufbewahrt. An festgelegten Tagen wird sie herausgetragen, und die Leute warten, ob es flüssig wird. Wenn ja, ist es gut. Wenn nicht, zieht Neapel die Augenbrauen hoch, denn das gilt seit jeher als schlechtes Zeichen.

Interessanter als das Phänomen ist, was die Kirche dazu sagt: nichts. Sie unterstützt die Feiern, hat es aber nie offiziell zum Wunder erklärt.

Schädel zum Adoptieren

In den unterirdischen Steinbrüchen der Fontanelle liegen die Gebeine von Zehntausenden, die Pest- und Choleraepidemien dorthin brachten. Neapolitanerinnen kamen, um sich einen Schädel auszusuchen, reinigten ihn, sprachen mit ihm und beteten für ihn. Dafür erwarteten sie Fürsprache. Man nannte sie anime pezzentelle, die verlassenen Seelen.

Die Kirche verbot den Brauch 1969 als Aberglauben. Die Leute gehen weiter hin.

Vier Tage

Ende September 1943 war Neapel ausgehungert, von Bombardierungen zerstört und von einer deutschen Armee besetzt, die den Befehl hatte, den Hafen zu vernichten. Am siebenundzwanzigsten September erhob sich die Stadt. Angefangen haben es die Straßenkinder, die scugnizzi, und die Erwachsenen schlossen sich an.

Vier Tage später waren die Deutschen weg. Am ersten Oktober kamen die Alliierten in eine Stadt, die sich selbst befreit hatte.

Und diese Pizza

Die Geschichte kennt jeder: 1889 buk der neapolitanische Pizzabäcker Raffaele Esposito eine Pizza für Königin Margherita, legte sie in Rot, Weiß und Grün an und benannte sie nach ihr.

Der einzige Beleg ist ein Dankschreiben des Hofes, und das ist mit ziemlicher Sicherheit eine Fälschung. Der Historiker Zachary Nowak zeigte, dass die Unterschrift nicht zu anderen Unterschriften desselben Beamten passt, dass das Siegel an der falschen Stelle sitzt und dass der Brief an „Raffaele Esposito Brandi" adressiert ist, also mit dem Nachnamen der Ehefrau. Das hätte 1889 in Italien kein Mann getan.

Die Pizza ist echt. Die Geschichte wohl nicht. Aber eine Stadt, die sich ein Ei im Burgfundament ausgedacht hat, kommt auch mit einem gefälschten Brief zurecht.