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🗽 Geschichte von New York

Von einer Insel für sechzig Gulden zu einer Stadt, in der achthundert Sprachen gesprochen werden — vierhundert Jahre in zwölf Minuten Lesezeit.

New York ist nicht entstanden, weil dort jemand hätte leben wollen. Es ist entstanden, weil dort ein guter Hafen war. Alles andere — die Wolkenkratzer, die U-Bahn, die Pizza für einen Dollar, die achthundert Sprachen — ist nur das, was passiert, wenn man vierhundert Jahre lang Menschen durch einen einzigen Schlund strömen lässt.

Eine Insel für sechzig Gulden

Bevor die Europäer kamen, lebten auf der Insel die Lenape. Sie nannten sie *Manna-hata*, was am ehesten "hügelige Insel" bedeutet — und hügelig war sie tatsächlich, bis man sie zweihundert Jahre später der Straßen wegen einebnete.

1626 kaufte der Direktor der niederländischen Kolonie, Peter Minuit, die Insel für Waren im Wert von sechzig Gulden. Der berühmte Satz von den "vierundzwanzig Dollar für ein paar Glasperlen" stammt aus dem neunzehnten Jahrhundert, und daran ist fast alles falsch: der Kurs ist erfunden, Perlen erwähnte niemand, und vor allem — die Lenape hatten keine Vorstellung davon, dass Land verkauft werden könnte. Sie schlossen eine Vereinbarung über gemeinsame Nutzung. Die Niederländer schlossen einen Kaufvertrag. Beide Seiten gingen zufrieden weg, und eine von beiden irrte sich.

So entstand Nieuw Amsterdam: ein paar hundert Menschen, eine Mühle, eine Befestigung und eine Schenke. Schon damals wurden hier laut einem Jesuiten achtzehn Sprachen gesprochen. Diese Zahl ist seither nur gestiegen.

Die Mauer, aus der die Wall Street wurde

1653 begannen die Siedler, die Engländer zu fürchten, und bauten quer über die Insel eine Palisade. Errichtet wurde sie zu großen Teilen von versklavten Afrikanern, die die Westindische Kompanie seit den zwanziger Jahren in die Kolonie brachte. Die Mauer hielt nie jemanden auf und wurde mit der Zeit als Brennholz abgetragen, aber die Straße, die an ihr entlangführte, heißt bis heute so: Wall Street.

Die Engländer kamen 1664 und mussten keinen Schuss abgeben. Direktor Peter Stuyvesant — ein Soldat mit Holzbein und einem Charakter, den niemand lobte — wollte kämpfen, doch seine eigenen Bürger legten ihm eine Bittschrift vor, in der stand, dass sie es nicht wollten. Er ergab sich. Die Stadt bekam einen neuen Namen, nach dem Herzog von York, dem Bruder des englischen Königs.

Drei Jahre später teilten Niederländer und Engländer die Sache in Breda endgültig auf. Die Niederländer behielten Surinam und das Inselchen Run in Indonesien, weil dort die Muskatnuss wuchs, und ließen New York fahren. In dem Moment sah das nach einem ausgezeichneten Geschäft aus.

Das Jahr, in dem New York Hauptstadt war

In der Revolution bekam die Stadt es ab. Washington verlor sie 1776 nach der Schlacht auf Long Island, wenige Tage später brannte fast ein Viertel der Häuser ab, und die Briten saßen dann sieben Jahre hier. Sie zogen erst am 25. November 1783 ab, und New York feierte diesen Tag noch weitere hundertfünfzig Jahre.

Dann kam eine Zeit, auf die die Stadt bis heute stolz ist: 1789 legte in der Federal Hall an der Wall Street der erste amerikanische Präsident den Amtseid ab, und New York war Hauptstadt der Vereinigten Staaten. Genau ein Jahr lang. Dann einigte sich der Kongress darauf, dass die Hauptstadt woanders sein solle, und zog um. New York entschädigte sich mit Geld.

Das Raster und der Kanal

1811 sah sich eine Kommission Manhattan an und beschloss, es werde ein Raster geben. Zwölf Avenues, hundertfünfundfünfzig Straßen, keine Plätze, keine Bögen, nichts. Es war ein Plan ohne einen Funken Fantasie, und er war genial — in einem Raster lässt sich parzellieren, verkaufen und bauen, ohne nachzudenken, und genau daraus bestanden die nächsten hundert Jahre. Das Einzige, was die ganze Insel diagonal durchschlägt, ist der Broadway, denn er folgt einem alten Lenape-Pfad, und den zu begradigen hatte niemand Lust.

Der eigentliche Wendepunkt kam aber 1825, als der Eriekanal eröffnet wurde. Auf einmal führte ein Wasserweg von den Großen Seen zum Atlantik, und er endete in New York. Der Transport von Getreide aus dem Mittleren Westen wurde etwa zehnmal billiger. Boston und Philadelphia verloren binnen eines Jahrzehnts, und New York war nie wieder Zweiter.

Zwölf Millionen Menschen und eine Tür

Zwischen 1892 und 1954 kamen etwa zwölf Millionen Menschen durch die Aufnahmestation auf Ellis Island — Iren, Italiener, Juden aus Osteuropa, Deutsche, Polen, Griechen. Die Abfertigung dauerte ein paar Stunden; abgewiesen wurden rund zwei Prozent, meist wegen Krankheit. Die Geschichte, Beamte hätten den Leuten die Namen geändert, ist ein Mythos — die Namen wurden aus den Schiffslisten abgeschrieben. Geändert haben sie die Einwanderer selbst, später und freiwillig.

Gewohnt wurde in Mietskasernen, wo auf ein Fenster drei Zimmer kamen und auf eine Toilette ein ganzes Stockwerk. Wie das aussah, zeigte erst der Fotograf Jacob Riis 1890 mit dem Buch *Wie die andere Hälfte lebt*, denn die Blitzfotografie hatte gerade gelernt, im Dunkeln zu funktionieren.

Die Änderung brachten aber nicht Reformreden, sondern ein einziger Brand. 1911 verbrannten in der Fabrik Triangle Shirtwaist hundertsechsundvierzig Menschen, überwiegend junge Einwanderinnen. Die Nottüren waren abgeschlossen, damit die Arbeiterinnen keinen Stoff mit nach Hause nahmen. Daraus entstanden die Arbeitsschutzvorschriften, die bis heute gelten.

Und 1904 wurde die U-Bahn eröffnet. Sie kostete fünf Cent und fuhr vom Rathaus zur 145. Straße.

Der Park, der wie Natur aussieht

Der Central Park ist kein erhaltenes Stück Landschaft. Er ist ein Bauwerk. Jeden Hügel, jeden Teich und jeden scheinbar zufälligen Felsblock haben Frederick Law Olmsted und Calvert Vaux nach einem Plan von 1858 dorthin gesetzt. Es wurden Millionen Fuhren Erde bewegt und über eine Viertelmillion Bäume und Sträucher gepflanzt.

Damit der Park entstehen konnte, musste ein Dorf verschwinden. An seiner Stelle stand Seneca Village — etwa zweihundert Einwohner, überwiegend freie Schwarze, die anders als arme weiße Mieter Land besaßen und damit auch das Wahlrecht. 1857 enteignete die Stadt sie. Seit 2001 steht dort eine Erinnerungstafel.

Das Rennen um das höchste Haus der Welt

Auf Manhattan lässt sich in die Höhe bauen, weil darunter harter Fels liegt, der Manhattan-Gneis. Zwei Dinge fehlten: das Stahlskelett, das am Ende des neunzehnten Jahrhunderts kam, und ein Aufzug, in den ein Mensch sich zu steigen traut. Das zweite Problem löste 1854 Elisha Otis, indem er sich auf einer Ausstellung in die Höhe ziehen ließ und dann vor dem Publikum das Seil durchschlug. Die Kabine fiel ein paar Zentimeter und blieb stehen. Der Verkauf lief an.

Um 1930 brach ein Wettlauf aus. Die Erbauer des Chrysler Building ließen im Inneren heimlich eine stählerne Spitze montieren, und als die Konkurrenz an der Wall Street glaubte, gewonnen zu haben, schoben sie sie durchs Dach. Es dauerte neunzig Minuten. Das Chrysler war elf Monate lang das höchste Gebäude der Welt — dann schlug es das Empire State Building, das in etwa vierzehn Monaten hochgezogen wurde.

Der Zeitpunkt war katastrophal. Es öffnete mitten in der Weltwirtschaftskrise, stand jahrelang leer, hieß im Volksmund *Empty State Building* und schrieb erst nach dem Zweiten Weltkrieg Gewinn. Den Rekord hielt es trotzdem vierzig Jahre.

Bankrott, Graffiti und eine Party in der Bronx

Die fünfziger und sechziger Jahre gehörten Robert Moses, einem Beamten, der nie zur Wahl stand, nie einen Führerschein hatte und trotzdem entschied, wo New Yorks Schnellstraßen verlaufen. Er baute Parks, Strände und Brücken; wegen seiner Trassen mussten aber rund eine Viertelmillion Menschen umziehen. Gestoppt hat ihn erst die Journalistin Jane Jacobs, als sie Greenwich Village vor einer Schnellstraße quer durch das untere Manhattan bewahrte.

In den siebziger Jahren ging die Stadt praktisch bankrott. Als Washington mit der Hilfe zögerte, erschien in der Daily News eine Schlagzeile, die bis heute zitiert wird: *Ford an die Stadt: Verreck.* Der Präsident hat das nie gesagt, aber die Wahl in New York verlor er danach. Die U-Bahn war von oben bis unten bemalt, 1977 fiel für fünfundzwanzig Stunden der Strom aus und es wurde geplündert.

Genau in dieser Zeit brachte die Stadt allerdings zwei Dinge hervor, die dann um die Welt gingen. 1969 stellten sich die Gäste der Bar Stonewall Inn zum ersten Mal einer Polizeirazzia entgegen, und von diesem Aufstand her zählt man die heutigen Pride-Umzüge. Und am 11. August 1973 legte DJ Kool Herc auf einer Party in der Bronx von zwei Plattenspielern immer wieder nur das Schlagzeug-Zwischenspiel einer Platte auf, damit länger getanzt werden konnte. Das ist das Datum, ab dem der Hip-Hop gerechnet wird.

Der elfte September und was danach kam

1990 gab es in New York 2.245 Morde, ein historischer Höchststand. Die Stadt hatte einen Ruf, den auch der kannte, der nie dort gewesen war. Seither sind die Zahlen so steil gefallen, dass über die Gründe bis heute gestritten wird: Polizeitaktik, das Ende der Crack-Epidemie, Demografie, Wirtschaft. Sicher ist nur, dass sie unter allen Bürgermeistern fielen und dass 2017 die Zahl der Morde unter dreihundert sank — so niedrig wie seit den fünfziger Jahren nicht mehr.

Dann kam der 11. September 2001. Zwei Flugzeuge, zwei Türme, 2.753 Tote im unteren Manhattan. Die Türme fielen in weniger als zwei Stunden, und das Wegräumen der Trümmer dauerte acht Monate. An ihrer Stelle stehen heute zwei versenkte Becken mit genau dem Grundriss der ursprünglichen Türme; am Rand sind die Namen aller Opfer eingelassen, und das Wasser fällt hinab in eine quadratische Öffnung, deren Boden man nicht sieht.

Michael Bloomberg, Bürgermeister von 2002 bis 2013, führte die Stadt wie eine Firma — was man ihm je nach Geschmack vorwerfen oder gutschreiben kann. Er verbot das Rauchen in Bars und Restaurants, baute Hunderte Kilometer Radwege, warf die Autos vom Times Square, eröffnete einen Park auf einer alten Hochbahn (die High Line) und sicherte sich eine dritte Amtszeit, indem er das Gesetz ändern ließ, das sie ihm verbot. In seine Zeit fiel auch der Höhepunkt jener Straßenkontrollen, die ein Gericht 2013 für verfassungswidrig erklärte, weil sie fast ausschließlich Schwarze und Hispanics trafen.

2012 überflutete der Hurrikan Sandy die U-Bahn-Tunnel mit Salzwasser. 2020 war New York das erste große amerikanische Opfer der Pandemie: im Central Park stand ein Feldlazarett, und jeden Abend um sieben klatschten die Leute aus den Fenstern für das Pflegepersonal. Die Stadt leerte sich und füllte sich dann wieder.

New York in Zahlen

Heute leben hier etwa achteinhalb Millionen Menschen, und es werden über achthundert Sprachen gesprochen — es ist die sprachlich vielfältigste Stadt der Welt, und Dutzende dieser Sprachen haben nirgendwo sonst so viele Sprecher. Die U-Bahn hat vierhundertzweiundsiebzig Stationen und fährt rund um die Uhr, was fast nirgends sonst gilt. Mehr als ein Drittel der Einwohner ist im Ausland geboren.

Die fünf Stadtbezirke wurden erst 1898 zu einer Stadt vereinigt. Brooklyn war bis dahin selbstständig und die drittgrößte Stadt der Vereinigten Staaten; die Abstimmung über den Anschluss ging dort mit einigen hundert Stimmen aus, und ein Teil Brooklyns nennt das bis heute "den großen Fehler von 1898".

Und der Turm, der seit 2014 neben dem Ort des World Trade Center steht, misst mitsamt Spitze 1776 Fuß. Das ist kein Zufall und kein Fehler bei der Umrechnung in Meter. Es ist eine Jahreszahl.