🌋 Pompeji: was dich dort erwartet
Die meisten antiken Städte zerfielen langsam: Die Steine wurden für andere Bauten abgetragen, das Holz verrottete, die Dächer stürzten ein. Pompeji nicht. Pompeji endete an einem einzigen Nachmittag, und danach geschah achtzehnhundert Jahre lang nichts.
Was geschah
Am 24. August des Jahres 79 - oder eher irgendwann im Herbst, wie ein Münzfund und Reste von Herbstobst heute nahelegen - öffnete sich der Vesuv. Zuerst kam eine etwa dreiunddreißig Kilometer hohe Säule aus Asche und Bimsstein, die stundenlang auf die Stadt niederging. Unter der Last begannen die Dächer nachzugeben. Wer sofort ging, überlebte.
In der Nacht hielt die Säule ihr eigenes Gewicht nicht mehr und brach zusammen. Was folgte, heißt pyroklastische Wolke: eine Wolke aus Gas und Asche von etwa dreihundert Grad, die mit über hundert Stundenkilometern den Hang hinabrollt. Man kann ihr nicht davonlaufen und sich nicht vor ihr verstecken. Sie tötete augenblicklich.
Am Morgen war alles vorbei. Pompeji lag unter vier bis sechs Metern Asche, das benachbarte Herculaneum unter zwanzig Metern Schlammstrom.
Beschrieben hat das Ganze Plinius der Jüngere, der beim Ausbruch achtzehn war, in Briefen an den Historiker Tacitus - geschrieben hat er sie allerdings erst ein Vierteljahrhundert später - es ist der älteste ausführliche Augenzeugenbericht eines Vulkanausbruchs der Geschichte, und Vulkanologen nennen diesen Ausbruchstyp bis heute plinianisch. Sein Onkel, Plinius der Ältere, befehligte die Flotte in Misenum, lief zur Hilfe aus und starb an der Küste.
Warum es so gut erhalten ist
Die Asche tötete Pompeji und konservierte es in derselben Bewegung. Sie schloss die Luft aus, sodass sich fast nichts zersetzte. Die Grabungen, 1748 begonnen, legten die Stadt genau so frei, wie sie in dem Moment aussah, als die Menschen sie verließen: Brote in den Öfen, Geschirr auf den Tischen, Wagenspuren im Pflaster, Wahlparolen an den Fassaden.
An den Wänden stehen über elftausend Inschriften, die niemand ernst meinte und die trotzdem überdauerten - Nachrichten, Beleidigungen, Liebesnotizen, Werbung für Gladiatoren und eine Menge Zoten. Es ist die größte erhaltene Sammlung gewöhnlichen, nichtliterarischen Lateins überhaupt, und Sprachhistoriker holen mehr daraus als aus den meisten Büchern.
Die berühmten Gipsabgüsse waren 1863 eine Idee des Archäologen Giuseppe Fiorelli. Ihm fiel auf, dass die erhärtete Asche dort Hohlräume enthielt, wo Körper verwest waren. Er goss Gips in die Hohlräume, schlug die Asche ab - und hatte die genaue Gestalt eines Menschen in der Haltung, in der er gestorben war, samt Kleiderfalten und Gesichtsausdruck. Es sind über hundert. Darunter ein Hund an der Kette, der sich nicht losreißen konnte.
Was sich zu sehen lohnt
Die Stadt hatte etwa elf- bis zwanzigtausend Einwohner und alles, was eine Stadt haben soll: ein Forum, zwei Theater, ein Amphitheater für zwanzigtausend Menschen (das älteste erhaltene steinerne Amphitheater der Welt), Thermen, Bäckereien, Garküchen mit Tresen und eingelassenen Gefäßen für warmes Essen, ein Bordell mit Fresken, von denen erzählt wird, sie seien eine Preisliste gewesen und öffentliche Latrinen.
In der Mysterienvilla vor den Mauern zieht sich ein über zehn Meter langer Freskenzyklus hin, der eine Einweihung in den Dionysoskult zeigt. Niemand ist sicher, was genau darauf vor sich geht. Die Farbe, die man Pompejanisch Rot nennt, ist so satt, dass sie bis heute als Bezeichnung eines Farbtons dient - und neuere Untersuchungen legen nahe, dass ein Teil davon ursprünglich gelb war und erst durch vulkanische Gase rot wurde.
Herculaneum ist kleiner und weniger besucht, in manchem aber besser: Der Schlamm schloss es so vollkommen ab, dass Holz, Möbel, Türen, Seile und Essen erhalten blieben. Und eine Bibliothek mit Papyrusrollen - verkohlte Walzen, die sich zweihundert Jahre lang nicht entrollen ließen, weil sie zerbröselten. Seit 2023 liest sie eine künstliche Intelligenz aus Röntgenaufnahmen, ohne dass jemand sie anfasst. Die ersten nach zweitausend Jahren gelesenen Worte handelten von Essen und Musik.
Was daraus folgt
Der Vesuv ist seit dem Jahr 79 mehr als dreißigmal ausgebrochen, zuletzt 1944, als er das Dorf San Sebastiano zerstörte und achtundachtzig Bomber der US-Luftstreitkräfte verbrannte, die auf dem Flugfeld darunter standen.
In der unmittelbaren Umgebung des Vulkans leben heute etwa drei Millionen Menschen. Es ist das am dichtesten besiedelte Vulkangebiet der Welt. In der sogenannten roten Zone, die bei einem Ausbruch geräumt werden müsste, wohnen siebenhunderttausend, und der Evakuierungsplan rechnet damit, sie in zweiundsiebzig Stunden fortzuschaffen.
Pompeji ist zugleich die besterhaltene römische Stadt und das besterhaltene Anschauungsstück dafür, was geschieht, wenn Menschen sich dort niederlassen, wo der Boden am fruchtbarsten ist - denn er ist genau aus dem Grund am fruchtbarsten, der sie eines Tages umbringen wird.