🦌 Rocky Mountain: was du dort findest
Eine Straße in einer Höhe, in der kein Baum wächst, Hirsche, die in der Stadt röhren, und ein Hotel, in dem ein berühmtes Horrorbuch entstand — fünf Minuten Lesezeit.
Der Rocky-Mountain-Nationalpark liegt in Colorado, hat etwas über tausend Quadratkilometer, und die kontinentale Wasserscheide zieht quer hindurch: Wasser von der Westseite erreicht den Pazifik, Wasser von der Ostseite den Atlantik.
Jährlich kommen über vier Millionen Menschen. Seit 2020 fährt man in der Hauptzeit mit einem Zeitfenster in den Park — man reserviert ein bestimmtes Fenster, sonst wird man am Tor abgewiesen. Die Regeln ändern sich, man sieht besser vorher nach.
Die Straße über der Baumgrenze
Die Trail Ridge Road ist die höchstgelegene durchgehend befestigte Straße im System der amerikanischen Nationalparks und eine der höchsten durchgehenden Asphaltstraßen der USA. Sie steigt auf 3 713 Meter und verläuft etwa fünfzehn Kilometer über der Baumgrenze.
Das ist der Teil, wegen dem man herkommt, denn man kann dorthin fahren, wohin man anderswo einen halben Tag geht. Andererseits ist sie nur etwa von Ende Mai bis Oktober offen; den Rest des Jahres liegt sie unter Schnee, der im Mai mit Schneefräsen zu Wänden geräumt wird, die höher sind als ein Auto.
Oben ist alpine Tundra. Hier wächst dasselbe wie jenseits des Polarkreises: niedrige Polster, Moose, Flechten. Ein handtellergroßes Pflänzchen kann hundert Jahre alt sein, und ein Tritt, der anderswo nichts bedeutet, heilt hier Jahrzehnte. Deshalb gibt es dort überall Stege, und deshalb bleiben die Leute wirklich darauf.
Auf 3 700 Metern liegt der Luftdruck bei etwa 65 Prozent, mit jedem Atemzug nimmst du also ungefähr zwei Drittel des Sauerstoffs auf, den du auf Meereshöhe hättest. Wer aus Denver direkt hinauffährt, merkt das gewöhnlich.
Hirsche, die in der Stadt röhren
Im Park und drumherum leben mehrere hundert Wapitis — nordamerikanische Hirsche, die deutlich größer sind als die europäischen.
Im September und Oktober ist Brunft, und die Männchen röhren. Es ist nicht das tiefe Röhren unseres Rothirschs, sondern ein hoher, durchdringender Pfiff, der über das ganze Tal trägt und abends fast überirdisch klingt.
Interessanter ist, wo das stattfindet. Die Wapitis haben gelernt, dass in der Stadt Estes Park unterhalb des Parktors nicht geschossen werden darf, und also sind sie in der Brunft schlicht dort: auf dem Golfplatz, im Kreisverkehr, auf dem Rasen vor dem Rathaus. Die Stadt löst das mit Schildern und einer angemessenen Portion Fatalismus.
Daneben gibt es hier Elche, die 1978 aus Utah und Wyoming kamen, Dickhornschafe, Murmeltiere und Pfeifhasen — kleine Verwandte der Hasen, die im Geröll leben, pfeifen und für den Winter Heu zu Haufen unter den Steinen trocknen.
Longs Peak
Der einzige Berg des Parks über vierzehntausend Fuß — in Colorado nennt man solche Gipfel "Vierzehner" und es gibt über fünfzig davon. Der Longs Peak misst 14 259 Fuß, also 4 346 Meter.
Der Weg zum Gipfel ist hin und zurück dreiundzwanzig Kilometer lang mit über fünfzehnhundert Höhenmetern, und der letzte Abschnitt führt durch ein Felsfenster namens Keyhole über Bänder oberhalb des Abgrunds. Es ist kein Klettern, es ist Ausgesetztheit. Man bricht um zwei oder drei Uhr morgens auf, denn nach Mittag ziehen hier Gewitter durch, und dann über der Baumgrenze zu sein, ist eine schlechte Idee.
Wasser, das in zwei Ozeane fließt
Auf der Westseite des Parks, im Kawuneeche-Tal, entspringt der Colorado — der Fluss, der fünfzehnhundert Kilometer weiter den Grand Canyon ausgehoben hat und Las Vegas wie Los Angeles versorgt. Hier ist er ein Bach, über den man steigen kann.
Stanley Hotel
Ein Stück unterhalb des Parks, in Estes Park, steht ein weißes Hotel von 1909. 1974 verbrachte dort ein Schriftsteller mit seiner Frau eine Nacht; sie waren die letzten Gäste vor der Winterschließung und schliefen in einem praktisch leeren Haus. Dieser Schriftsteller hieß Stephen King und schrieb danach Shining.
Das Hotel hat daraus ein ganzes Geschäft gemacht: Zimmer 217 wird Monate im Voraus gebucht, auf dem Flur läuft der Film in Schleife, und auf dem Gelände gibt es ein Heckenlabyrinth, das erst viel später dazukam — eben weil die Leute danach suchten.
Was der Park zuletzt erlebt hat
Im Oktober 2020 sprang das Feuer East Troublesome über die kontinentale Wasserscheide — über blanken Fels oberhalb der Baumgrenze, was für unmöglich galt. An einem Tag legte es achtzehn Kilometer zurück. Auf der Westseite des Parks stehen davon ganze Hänge toter Stämme.
Noch davor tötete hier ein Borkenkäfer Millionen Kiefern, dem milde Winter nichts mehr anhaben konnten. Die grauen Wälder, die du unterwegs siehst, sind also nicht die Krankheit einer Saison, sondern das Ergebnis zweier verschiedener Dinge zugleich.