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🧗 Yosemite: was du dort findest

Eine neunhundert Meter hohe Granitwand, ein Wasserfall, der im August nicht fließt, und Bären, die sich Autos nach der Marke aussuchten — fünf Minuten Lesezeit.

Das Yosemite Valley ist sieben Kilometer lang, anderthalb Kilometer breit und von allen Seiten von Granitwänden eingefasst. Ein Gletscher hat es ausgehobelt und eine Form hinterlassen, die eher entworfen als entstanden aussieht.

Etwa vier Millionen Menschen kommen im Jahr hierher, und die allermeisten von ihnen passen in dieses eine Tal, das rund ein Prozent der Parkfläche ausmacht.

El Capitan

Neunhundert Meter durchgehender Granit, vom Fuß bis zur Kante. Es ist der größte Granitmonolith der Welt, und man sieht ihn, sobald man ins Tal fährt — und er ist weit größer, als er auf dem Foto wirkt.

Kletterer verbringen Tage an ihm. Sie schlafen in Hängebetten, die an die Wand geschraubt sind, ziehen sich Wasser am Seil hoch und benutzen als Toilette verschließbare Röhren, die sie wieder hinuntertragen müssen — das ist Bedingung der Genehmigung.

Zwei Dinge, die hier geschahen, kennt auch, wer nicht klettert. Im Januar 2015 durchstiegen zwei Kletterer erstmals frei die Dawn Wall, den glattesten Teil der Wand; sie brauchten neunzehn Tage, und die letzte Woche verfolgte die ganze Welt. Und am 3. Juni 2017 stieg Alex Honnold die Route Freerider ohne Seil. Oben war er nach drei Stunden und sechsundfünfzig Minuten. Wenn dir unten auf der Wiese Leute mit Ferngläsern auffallen, die schweigend nach oben starren, dann schauen sie sich das an.

Half Dome und die Seile

Eine halbierte Kuppel, 2 693 Meter. Der Gletscher hat sie nicht durchgeschnitten — die fehlende Hälfte war nie da; der Fels blätterte in Schichten ab wie Zwiebelschalen.

Nach oben führt ein Weg zwischen zwei Stahlseilen, an denen die letzten hundert Höhenmeter über blanken Granit in einer Neigung gestiegen werden, in der man nicht stehen kann. Die Seile sind nur von Mai bis Oktober gespannt, und seit 2010 darf man sie nur mit einer Genehmigung aus einer Verlosung benutzen. Der Grund ist einfach: davor standen dort Schlangen, und Menschen starben daran.

Wasserfälle, die es im August nicht gibt

Die Yosemite Falls sind 739 Meter hoch und die höchsten Nordamerikas. Im Mai sind sie durch das ganze Tal zu hören. Im August bleibt nichts von ihnen — sie werden von Schmelzwasser gespeist, nicht von einer Quelle, und wenn der Schnee aufgebraucht ist, schalten sie sich ab.

Wer also Wasserfälle will, fährt im Mai und Juni. Wer Ruhe und Farben will, fährt im Oktober.

Eine Ausnahme sei erwähnt. In den letzten beiden Februarwochen scheint die untergehende Sonne in einem solchen Winkel, dass der dünne Horsetail Fall an der Flanke des El Capitan aussieht, als flösse Lava über den Fels. Es dauert etwa zehn Minuten am Tag und nur an einem klaren Abend bei genug Wasser. Es kommen so viele Leute dafür, dass auch dafür heute Erlaubnisscheine ausgegeben werden.

Bis 1968 wurde hier ein anderes Feuerwerk vorgeführt: vom Glacier Point stieß man jeden Abend glühende Kohlen hinab, die dreihundert Meter tief wie ein Feuervorhang fielen. Man stellte es ein, weil dafür so viele Autos kamen, dass das Tal es nicht mehr schaffte.

Die Mammutbäume

Im Süden des Parks wachsen im Mariposa Grove etwa fünfhundert ausgewachsene Riesenmammutbäume. Sie sind nicht die höchsten Bäume der Welt — das sind die Küstenmammutbäume — aber sie sind dem Volumen nach die größten.

Der älteste von ihnen, der Grizzly Giant, wird auf über zweieinhalbtausend Jahre geschätzt. Hoch am Stamm hat er einen Ast, der selbst dicker ist als die meisten Bäume in Europa.

Der Mammutbaum braucht zum Keimen Feuer: die Hitze öffnet die Zapfen, und die Asche macht aus dem Waldboden ein geeignetes Bett. Hundert Jahre lang jeden Brand zu löschen hat dieser Sache mehr geschadet als die Holzfäller, und der Park legt heute absichtlich kontrollierte Feuer.

Die Bären, die ein Auto öffnen konnten

Im Park leben mehrere hundert Schwarzbären. Sie sind kleiner als Grizzlys und greifen Menschen nicht an, haben aber etwas anderes gelernt: Autos mit Essen darin zu erkennen.

In den neunziger Jahren öffneten die Bären in Yosemite systematisch Autos. Sie hatten es auf Minivans bestimmter Marken abgesehen, weil die sich an der Oberkante der Tür aufhebeln ließen — eine Erfahrung, die die Tiere weitergaben. In einem Jahr gab es über tausend Einbrüche.

Deshalb stehen heute auf jedem Parkplatz Stahlschränke, und deshalb darf im Auto nicht einmal eine leere Verpackung liegen bleiben. Der Bär erkennt nicht, dass sie leer ist, und bricht das Auto trotzdem auf.

Noch zwei Dinge

Yosemite ist nicht der älteste Nationalpark — das ist Yellowstone — aber es ist überhaupt das erste Schutzgebiet. 1864 unterzeichnete Abraham Lincoln mitten im Bürgerkrieg ein Gesetz, das das Tal vom Verkauf ausnahm und es Kalifornien anvertraute, damit es öffentlich bleibt. Nationalpark wurde es 1890.

Und das Ahwahnee Hotel von 1927, jener Steinbau mit Holzdecken mitten im Tal: seine Halle diente als Vorlage für das Hotelinnere im Film Shining. Gedreht wurde anderswo, aber es sieht aus wie hier.