⛰️ Zion: was du dort findest
Ein Canyon, in den man nicht mit dem Auto darf, ein Grat mit Ketten, auf den man über eine Verlosung kommt, und ein Weg, der im Fluss selbst verläuft — fünf Minuten Lesezeit.
Zion ist der älteste Nationalpark Utahs und der viertmeistbesuchte der ganzen Vereinigten Staaten: über viereinhalb Millionen Menschen im Jahr. Die meisten kommen wegen eines Canyons, der vierundzwanzig Kilometer lang und stellenweise achthundert Meter tief ist.
Ausgehoben hat ihn der Virgin River — ein Fluss, der wie ein Bach aussieht und im Sommer zu durchwaten ist. Er trägt allerdings über eine Million Tonnen Material im Jahr ab und kann bei einem Gewitter binnen einer Stunde um mehrere Meter steigen.
Versteinerte Dünen
Die Canyonwände bestehen aus Navajo-Sandstein. Es ist eine versteinerte Wüste: vor hundertachtzig Millionen Jahren war hier die größte Sanddüne, die je jemand belegt hat, und ihre Schichten liegen bis heute genau so schräg, wie der Wind sie aufgeweht hat.
Die Schicht ist stellenweise siebenhundert Meter mächtig. In den Wänden sieht man das als schräge Linien, die sich in verschiedenen Winkeln schneiden — jede Gruppe von Linien ist eine Düne und jeder Bruch ein Tag, an dem der Wind drehte.
Genau deshalb ist der Sandstein so farbig. Das Eisen darin ist oben rostig und unten weiß, weil die oberen Schichten vom Wasser stärker ausgelaugt wurden.
Angels Landing
Der berühmteste Weg des Parks. Der letzte Kilometer führt über einen schmalen Grat mit vierhundert Metern Absturz zu beiden Seiten, und die einzige Hilfe sind in den Fels verankerte Ketten.
Seit April 2022 geht man dort nur mit einer Genehmigung aus einer Verlosung hin. Eingeführt wurde das, weil sich auf einem stellenweise einen Meter breiten Grat Schlangen in beide Richtungen bildeten — und auf diesem Grat kann man weder ausweichen noch umkehren.
Wer keine Genehmigung hat oder Höhe nicht verträgt, kann denselben Weg bis zum Scout Lookout gehen. Das ist die Abzweigung knapp unterhalb des Grats, die Aussicht ist fast dieselbe, und Ketten gibt es dort nicht.
The Narrows
Der zweite berühmte Weg des Parks ist kein Weg. Er ist ein Fluss.
Im oberen Teil des Canyons rücken die Wände so zusammen, dass zwischen ihnen kein Ufer bleibt, und die einzige Möglichkeit weiterzugehen ist, durch das Wasser zu gehen. Der Canyon ist stellenweise sechs Meter breit und dreihundert Meter tief, man geht also auch mittags im Dämmerlicht.
Man geht flussaufwärts, meist knietief, manchmal hüfttief, und dafür leiht man Neoprenschuhe und einen Stock. Es geht weniger um das Wasser als um die Steine am Grund, die man nicht sieht.
Entscheidend ist das Wetter, das nicht da ist. Ein Gewitter fünfzig Kilometer entfernt kann eine Flutwelle durch den Canyon schicken, obwohl über dir die Sonne scheint. Die Ranger geben jeden Morgen das Risiko bekannt, und ist es hoch, wird der Canyon gesperrt. Das ist keine Vorsicht, hier sterben Menschen.
In den Canyon darf man nicht mit dem Auto
Seit 2000 ist die Hauptstraße im Canyon von März bis November für Privatautos gesperrt, und ein kostenloser Shuttle fährt darauf.
Der Grund war einfach: es gab im Canyon vierhundertfünfzig Parkplätze, und es kamen fünfmal so viele Autos. Die Leute parkten in Gräben, auf Wiesen und aufeinander. Heute ist das eines der meistzitierten Beispiele dafür, wie sich ein Park retten lässt, indem man die Autos hinauswirft — und erstaunlicherweise beschwert sich niemand, weil der Bus alle sieben Minuten fährt.
Eine andere verkehrstechnische Merkwürdigkeit ist der Tunnel von 1930 auf der Ostseite, über anderthalb Kilometer lang. Er wurde für die Autos der dreißiger Jahre gebaut, weshalb heutige Wohnmobile in der Mitte des Tunnels hindurchgefädelt werden müssen, während ein Ranger so lange den Verkehr anhält.
Kondore
Über dem Canyon fliegen Kalifornische Kondore — ein Vogel mit über zweieinhalb Metern Spannweite, dem größten Nordamerikas.
1982 waren weltweit zweiundzwanzig Stück übrig. Alle wurden eingefangen, in Gefangenschaft vermehrt und ab den neunziger Jahren wieder ausgesetzt. Im Gebiet des südlichen Utah und des nördlichen Arizona fliegen heute etwa achtzig, und sie tragen nummerierte Marken an den Flügeln, man kann also erkennen, welchen man ansieht.
Wer einen großen schwarzen Vogel über Angels Landing kreisen sieht, schaue auf den Kopf: der Kondor hat ihn nackt und rosa, der Bartgeier lebt hier nicht, und Geier haben eine geringere Spannweite.
Woher der Name kommt
Das Tal besiedelten mormonische Farmer in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, und einer von ihnen, Isaac Behunin, gab ihm den Namen Zion — den biblischen Ort des Friedens und der Zuflucht.
Als der Kirchenführer Brigham Young zu Besuch kam und sah, dass hier getrunken und geraucht wurde, erklärte er, dies sei kein Zion. Die Siedler lösten das auf ihre Art: eine Zeit lang nannten sie den Ort Nicht-Zion.
Der Name kam am Ende zurück. Die Bundesverwaltung hatte den Park inzwischen mit dem Paiute-Wort Mukuntuweap benannt, das die Einheimischen nie benutzten, und 1919 kehrte man zu Zion zurück — unter anderem, weil es sich leichter aussprechen lässt und mehr Leute kamen.